Autismus und Transidentität —
welcher Zusammenhang besteht?
Bei transidenten Menschen ist Autismus deutlich häufiger als im Bevölkerungsschnitt — schätzungsweise drei- bis sechsmal so oft. Umgekehrt gilt das nicht. Warum das so ist, ist bis heute nicht geklärt.
Dieser Beitrag fasst zusammen, was die Zahlen zeigen, was das für die Begleitung bedeutet — und was sie aus der Praxis über das Zusammenspiel beider Themen beobachtet hat.
Autismus kommt selten allein
Autistische Menschen sehen sich nicht selten mit einer weiteren psychischen Diagnose konfrontiert. Häufig sind das Depressionen, Angststörungen oder Zwänge — entweder als Teil des autistischen Bildes oder als zusätzliche Erkrankung. Auch eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit oder ohne Hyperaktivität (ADHS/ADS) wird überdurchschnittlich oft diagnostiziert.
In den letzten Jahren ist ein Zusammenhang mit einem weiteren Erscheinungsbild in den Blick gerückt: der Transidentität (auch Transsexualität, Transgeschlechtlichkeit oder Transgender genannt) beziehungsweise der non-binären Identität — also der Zuordnung des eigenen geschlechtlichen Selbst als weder männlich noch weiblich.
Eine deutliche Häufung — aber nur in eine Richtung
Während von den autistischen Menschen lediglich rund 0,02 Prozent transident sind, sind umgekehrt — also unter transidenten Menschen — etwa 11 Prozent autistisch (Angaben der Deutschen Gesellschaft für Trans*- und Intergeschlechtlichkeit).
Einordnung: Berücksichtigt man Schwankungen in den Stichproben und unterschiedlich breit gefasste Definitionen, lässt sich gerundet von einer drei- bis sechsfachen Häufung unter transgeschlechtlichen Menschen ausgehen — im Vergleich zur deutschen Allgemeinbevölkerung. Warum das so ist, ist bislang nicht geklärt.
Daraus folgt eine praktische Empfehlung: Ist man selbst — oder eine Person im eigenen Umfeld — transident, ist es ratsam, Autismus abzuklären und gegebenenfalls mit im Blick zu behalten. Beides beeinflusst sich gegenseitig.
Beobachtungen aus der psychotherapeutischen Begleitung
Auch in meiner psychotherapeutischen Praxis, in der ich über die Jahre mehrere Dutzend transgeschlechtliche Personen durch ihren Prozess begleitet habe, sind mir gehäuft autistische Merkmale aufgefallen. In mehreren Fällen waren sich die betreffenden Personen dieser Merkmale gar nicht bewusst.
Im Vordergrund steht der Wunsch nach einer geschlechtlichen Anpassung; soziale Hemmungen werden dann mit der als unstimmig erlebten geschlechtlichen Identität begründet. Dass bei autistischen Menschen diese Hemmungen oft bestehen bleiben — obwohl der Transitionsprozess wie gewünscht verlaufen ist — ist hingegen selten bekannt.
Eine weitere Auffälligkeit aus meiner Tätigkeit: Bei transidenten Menschen mit Autismus erscheint der Prozess der Angleichung „durchlässiger". Die Notwendigkeit einer Gesamtanpassung wirkt weniger dringend. Manchmal reicht die Anpassung des Kleidungsstils an das gewünschte Geschlecht, manchmal nur die Haare oder der Brustansatz — während nicht-autistische trans Personen häufiger einen Leidensdruck in Bezug auf alle geschlechtstypischen Merkmale verspüren.
Subjektiv gewinne ich den Eindruck, dass bei autistischen Menschen die Existenz als transidenter Mensch identitätsstiftend ist — und dass mit der Zuordnung zu dieser Gruppe nicht selten schon eine ausreichende Beruhigung des Leidensdrucks einhergeht.
Systematische Untersuchungen zu diesen Zusammenhängen stehen allerdings noch aus.
Worauf es bei der Begleitung ankommt
In jedem Fall ist es wichtig, sich an eine Behandlerin oder einen Behandler zu wenden, die sich mit beiden Störungsbildern auskennen — nur so gelingt eine genaue Abklärung und eine angemessene Behandlung.
Und mindestens ebenso wichtig: Für die betreffenden Menschen ist ein liebevoll-hilfsbereites und nicht-verurteilendes familiäres Umfeld entscheidend, um mit dieser besonderen Situation gut umgehen zu können.
Assja Metzger
Psychologische Psychotherapeutin
Gastbeitrag für Autismus Augsburg. Die geschilderten Eindrücke stammen aus der praktischen Arbeit und ersetzen keine individuelle Diagnostik oder Beratung.



