Gastbeitrag · Psychotherapie

Nicht jede Krise ist eine Krankheit


Ein persönlicher Gastbeitrag der Psychologischen Psychotherapeutin Assja Metzger — über die condition humana, überfüllte Praxen und darüber, was wir im Umgang mit Lebenskrisen wieder selbst in die Hand nehmen könnten.

Porträt von Assja Metzger, Psychologische Psychotherapeutin und Gastautorin dieses Beitrags
Assja Metzger · Gastautorin dieses Beitrags

Gestern erreichte mich eine E-Mail einer ehemaligen Patientin, die mir mitteilte: „In der Gruppentherapie habe ich gemerkt, dass ich offen reden kann. Privat bin ich noch nicht soweit.“ Sie bat mich um weitere Stunden bzw. die Teilnahme an einem weiteren Gruppenzyklus. Die Patientin war bereits einige Jahre in Therapie gewesen, inzwischen waren ihre Symptome abgeklungen. Da ich gern mit ihr gearbeitet hatte, sage ich ihr den nächsten freien Platz zu. Als ich das Mailprogramm wieder schließe, komme ich ins Nachdenken. Was genau sucht die Patientin bei mir? Warum?

Meine Gedanken wandern zu anderen Patienten. Einige haben deutliche Symptome und innere Konflikte. Nicht wenige aber scheinen eher an „externen“ Problemen zu leiden: Ein Verlust des Arbeitsplatzes, Kränkungen durch den Vorgesetzten, Konflikte mit dem Partner oder der Partnerin, Überforderung durch Erziehungsaufgaben, Trauerreaktionen auf Scheidung oder andere Schicksalsschläge. Subjektiv werden die Erlebnisse oft als Traumatisierung erlebt, die nötigen Kriterien für eine Traumafolgestörung erreichen nur wenige. Auch die Diagnose „Depression“ wird schnell -manchmal zu schnell- gutmeinend von den Hausärzten vergeben, damit der Patient ein Recht auf eine von der Kasse finanzierte Therapie hat. Gern will man diesen Menschen helfen und hat Mitgefühl mit ihnen. Zu alleine scheinen sie mit ihren Problemen zu sein.

Dennoch kommen in mir Zweifel auf. Ist mein Beruf als Psychotherapeutin auf diese Dinge ausgelegt? Eigentlich nein. Ich soll psychische Erkrankungen behandeln und mit dem Patienten innere, unbewusste Konflikte bearbeiten. Das Auffangen in Lebenskrisen gehört nicht dazu.

Dennoch heißt es sofort: „Gehen Sie zur Psychotherapie“, wenn der Partner stirbt, die Geschwister sich entfremden, der Chef den Mitarbeiter beleidigt, der Mensch keine Freunde hat. Was früher die Hausärzte zu wenig angeboten haben, wird heute zu häufig zur vorgeschlagenen Lösung. In der Folge sind die Psychotherapiepraxen voll, vermutlich voller, als sie sein müssten.

„Ja, aber was soll ich denn tun, wenn es mir schlecht geht?“ möchte man da fragen. Verständlich. Die einfache Antwort darauf gibt es nicht. Aber eine etwas komplexere, die mit etwas Zusammenarbeit und Initiative durchaus zu erreichen wäre.

Die geschilderten Probleme fallen unter den Oberbegriff der „condition humana“ oder -ohne geschwollenes Latein: des menschlichen Daseins. Menschsein bedeutet Freude und Leid. Jeder von uns wird früher oder später Verluste erfahren, Kränkungen in der Arbeit haben oder Konflikte mit der Familie haben. Das ist kein Krankheitszustand, sondern das Leben, wenn es mal unangenehmer wird.

„Das ist kein Krankheitszustand, sondern das Leben, wenn es mal unangenehmer wird.“

Zwei Menschen sitzen bei einer Tasse Kaffee zusammen und reden
Symbolbild. Manchmal beginnt Entlastung mit einem Gespräch unter Freunden.

Wie wurde in Zeiten vor der Existenz von Psychotherapie mit diesen Problemen umgegangen? Man sprach mit Freunden und Familienmitgliedern, holte sich Trost, Rat und Hilfestellung bei ihnen. Dadurch, dass es noch keine sozialen Medien gab, die Dauervergleiche zwischen den Menschen fördern, noch keinen Neoliberalismus, der Ellbogenverhalten im Alltag propagiert und keine Hollywoodverfilmungen, die und weismachen wollen, dass „Stärke“ immer emotionale Unerreichbarkeit ist, wurden diese Probleme aufgefangen.

Das könnte heute genauso sein, aber zugegebenermaßen macht unsere soziale Struktur dies nicht leicht. Dennoch könnten wir heute selbst Gruppen aufsuchen oder sogar gründen. Wir könnten selbst offener mit unseren Gefühlen umgehen, d.h. einfach mal der oder die erste sein, der sich anderen gegenüber langsam öffnet und einen Vertrauensvorschuss gibt. Man könnte das zuerst geben, was man von anderen bekommen möchte. Etwas anderes wird in der Psychotherapie auch nicht gesagt (allerdings wird besprochen, was einen daran hindert, es umzusetzen). Hier liegt die Betonung auf „zuerst“, was vielen Menschen schwerfällt. Zu viele haben Angst davor, zu vertrauen, brauchen erst „Beweise“ vom Gegenüber.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist Konfliktfähigkeit. Auch hier gibt es Trainings, die angeboten werden. Wenn der Chef mich kränkt, muss ich eigentlich den Konflikt austragen, nicht kündigen (oder mich krankschreiben lassen). Auch hier ist ein gesellschaftliches Problem, dass jegliche Form von Unzufriedenheit oder Ärger unterdrückt werden muss – „Wut“ ist das heutige Tabu, also das, worüber man nicht reden oder gar es ausleben darf. Ein gesunder Umgang damit wäre aber sinnvoller als die Unterdrückung.

Wie wäre es, mal ein Training zu organisieren oder eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen? Oder einfach nur eine Gruppe, die sich zur gegenseitigen Vernetzung trifft? Spass und Freude dürfen auch dabei sein! Denn manchmal stimmt, was ich einmal auf einer Postkarte gelesen habe: „Sometimes, having coffee with your best friend ist all the therapy you need.“

— Assja Metzger

Assja Metzger, Psychologische Psychotherapeutin

Über die Autorin

Assja Metzger

Psychologische Psychotherapeutin und Gastautorin bei Autismus Augsburg. In ihren Beiträgen teilt sie persönliche Beobachtungen und Erfahrungen aus ihrer therapeutischen Arbeit. Die geäußerten Ansichten sind ihre eigenen.

Anmerkung der Redaktion

Dieser persönliche Gastbeitrag gibt die Sicht der Autorin wieder. Er möchte dazu ermutigen, neben professioneller Hilfe auch Freundschaft, Selbsthilfe und Gemeinschaft zu nutzen — und nicht, notwendige therapeutische Unterstützung infrage zu stellen, wo sie gebraucht wird.

Wenn es Ihnen schlecht geht, holen Sie sich Hilfe: bei Ihrer Hausarztpraxis, einer psychotherapeutischen Praxis oder — in akuten Krisen — beim ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 oder beim Krisendienst Schwaben. Bei unmittelbarer Gefahr wählen Sie den Notruf 112.

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Über die Autorin / den Autor

Rolf Bosch

Mitgründer & Leitung der Initiative

Webdesigner & Marketing-Experte

Rolf Bosch hat Autismus Augsburg gemeinsam mit seiner Frau Karin Stiefel ins Leben gerufen. Der Weg dorthin begann in der Selbsthilfegruppe am Caritas Kompetenzzentrum Autismus in Augsburg – aus den vielen Gesprächen dort wuchs die Überzeugung, dass Familien vor, während und nach der Diagnose verlässliche Orientierung brauchen, nicht noch mehr geschlossene Türen. Beruflich kommt Rolf aus dem Webdesign und Marketing – dieses Wissen steckt heute in jeder Seite von autismus-augsburg.de. Sein Anspruch: Erfahrungen so aufbereiten, dass der nächste Schritt für andere Familien leichter wird.

„Aus Erfahrung wird Orientierung – genau dafür machen wir das."

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