Krisenbewältigung
& Notfall
Meltdowns, Shutdowns, autistischer Burnout — was ist das genau, wie erkennt man Frühwarnzeichen, und wie reagiert man richtig? Dieser Leitfaden erklärt alle Krisenzustände und gibt konkrete Handlungsanweisungen für Betroffene, Eltern und Fachkräfte.
zustände
im Akutfall
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Ein persönliches Wort
Das erste Mal, als wir einen schweren Meltdown erlebt haben — ohne zu wissen, was es ist, warum es passiert, was wir tun sollen — war eines der hilflosesten Gefühle, die wir kennen. Wir haben falsch reagiert. Wir haben geredet, angefasst, versucht zu beruhigen. Alles hat es schlimmer gemacht.
Heute wissen wir: Die richtige Reaktion ist meistens weniger — nicht mehr. Weniger Reize, weniger Worte, weniger Druck. Einfach da sein. Das zu verstehen hat uns und unserem Kind sehr geholfen.
Meltdown
Explosiver Ausnahmezustand durch Reizüberflutung. Das Nervensystem hat die Kapazitätsgrenze überschritten und reagiert reflexartig nach außen.
- Schreien, Weinen, Toben
- Gegenstände werfen
- Selbstverletzung möglich
- Kein Ansprechen möglich
- Dauert: Minuten bis Stunden
Shutdown
Stille Abschaltreaktion — das Nervensystem zieht sich nach innen zurück. Oft nach einem Meltdown oder als eigenständige Reaktion. Von außen oft unsichtbar, innen genauso belastend.
- Völliger Rückzug
- Nicht mehr ansprechbar
- Kein Sprechen möglich
- Starrer Blick, Erstarrung
- Dauert: Stunden bis Tage
Autistischer Burnout
Anhaltende Erschöpfung durch chronische Überforderung — oft durch langes Maskieren (Anpassen an neurotypische Erwartungen). Kein kurzfristiges Ereignis, sondern ein Zustand.
- Verlust erlernter Fähigkeiten
- Extreme Erschöpfung
- Verstärkte Autismus-Symptome
- Rückzug aus allem
- Dauert: Wochen bis Monate
Frühwarnung, Akutreaktion & Prävention
Krisen kommen selten aus dem Nichts. Wer die Frühzeichen kennt und einen Plan hat, kann Schlimmeres oft verhindern — oder zumindest sicher durch die Krise begleiten.
Frühwarnzeichen kennenlernen — individuell für jede Person
Jeder autistische Mensch hat eigene, spezifische Vorboten einer Krise. Diese kennenzulernen ist die wichtigste Präventionsarbeit überhaupt. Krisensituationen kündigen sich fast immer an — wenn man weiß, worauf man achten muss.
Typische Frühwarnzeichen (Kinder)
- Verstärktes Stimming (Schaukeln, Händeschütteln)
- Zunehmende Lautstärke der Stimme
- Ohren zuhalten, Augen abwenden
- Starrer Blick, Unruhe, Umherlaufen
- Weigern, auf Ansprache zu reagieren
- Erhöhter Puls, gerötetes Gesicht
Typische Frühwarnzeichen (Erwachsene)
- Zunehmende Reizbarkeit
- Rückzug aus Gesprächen
- Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit
- Körperliche Symptome: Kopfschmerzen, Übelkeit
- Drang, eine Situation zu verlassen
- Innere Leere oder plötzliche Überwältigung
Im Akutfall: Drei-Phasen-Reaktion
Bei einem Meltdown oder Shutdown gibt es drei klar unterschiedliche Phasen — und für jede Phase gilt anderes Verhalten. Das Wichtigste vorab: Weniger ist fast immer mehr.
🔴 Akutphase
Reize minimieren Ruhige, ruhige Stimme oder Schweigen. Sicheren Rückzugsort anbieten. Keine Körperkontakt ohne Zustimmung. Keine Erklärungen, keine Vorwürfe. Gefährliche Gegenstände entfernen. Einfach da sein.
🟡 Beruhigungsphase
Stabilisieren Ruhige Präsenz halten. Bekannte Beruhigungsstrategien anbieten (individuell). Kurze, klare Sätze: „Ich bin da." Keine Nachbesprechung jetzt. Zeit lassen — nicht drängen.
🟢 Erholungsphase
Regeneration ermöglichen Ruhe und Rückzug ermöglichen. Keine Anforderungen stellen. Essen/Trinken anbieten. Erst dann: sanfte Nachbesprechung wenn bereit. Krisenprotokoll ausfüllen.
Individuelle Beruhigungsstrategien kennen
Was hilft, ist von Person zu Person völlig verschieden. Die folgende Liste gibt Anregungen — aber nur die betroffene Person selbst (und die, die sie gut kennen) weiß, was wirklich funktioniert.
- Sensorische Regulation: Gewichtsdecke, fester Druck (enge Kleidung, Umarmung wenn gewünscht)
- Stimming zulassen: Schaukeln, Hände schütteln, singen — nie unterbinden
- Vertraute Objekte: Lieblingsgegenstände, Plüschtiere, Stressball
- Reizreduzierung: Kopfhörer, verdunkeln, Geräusche abschalten
- Spezialinteressen: Zugang zum Lieblingsthema anbieten
- Bewegung: Spaziergang, Trampolin, Laufen — wenn das hilft
- Wasser: Kaltes Wasser trinken, Gesicht bespritzen
- Ruhige Musik: Bekannte, vertraute Tracks — individuell verschieden
Prävention — Krisen gar nicht erst entstehen lassen
Die beste Krisenreaktion ist die, die nicht gebraucht wird. Prävention bedeutet: chronischen Stress reduzieren, Auslöser kennen, Strukturen schaffen die Sicherheit geben.
- Tagesstruktur visualisieren: Was kommt wann — Überraschungen reduzieren Krisen
- Reizarme Rückzugsorte: Zuhause und in der Schule/Arbeit einen sicheren Ort definieren
- Regelmäßige Erholungszeiten: Nicht alle Energie für „Funktionieren" aufbrauchen
- Planänderungen ankündigen: Frühzeitig, eindeutig, schriftlich wenn möglich
- Trigger-Liste führen: Was löst Krisen aus? Was kann vermieden werden?
- Stress-Tagebuch: Wochen mit viel Anforderungen → danach bewusst Entlastung einplanen
- Maskieren reduzieren: Umgebungen schaffen, wo keine Anpassung nötig ist
Krisenplan und Notfallkarte erstellen
Ein schriftlicher Krisenplan hilft allen Beteiligten — Eltern, Fachkräften, Notfall-Einsatzkräften. In einer akuten Krise muss man nicht erst überlegen, was zu tun ist.
[Vorname, Name — ggf. nur Vorname für Datenschutz]
Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
Ich bin autistisch. In Krisen: Bitte ruhig und leise sprechen. Kein unangekündigter Körperkontakt. Reize reduzieren. Ich kann evtl. nicht sprechen — das ist normal.
[Individuell: Kopfhörer, Ruhiger Raum, Spezifisches Objekt…]
[Individuell: Anfassen, Laute Stimmen, Helles Licht…]
[Name + Telefonnummer]
[Name + Telefonnummer]
Psychiatrischer Notfall — wann ihr den Notruf ruft
Bei konkreter Selbst- oder Fremdgefährdung, akuten Suizidgedanken oder wenn eine Person sich nicht mehr selbst schützen kann: Bitte zögert nicht. Das ist kein Überreagieren — das ist richtig.
Vorbereitung ist der beste Schutz
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Was bedeutet das alles?
Die wichtigsten Begriffe rund um Krisenzustände — damit alle Beteiligten die gleiche Sprache sprechen.
- MeltdownKrisenzustand
- Explosiver neurologischer Ausnahmezustand durch Reizüberflutung oder emotionale Überlastung. Die betroffene Person verliert vorübergehend die Kontrolle über ihr Verhalten — das ist unwillkürlich, keine Absicht, kein Wutanfall. Danach folgt meist ein Shutdown und tiefe Erschöpfung.
- ShutdownKrisenzustand
- Stille, nach innen gerichtete Abschaltreaktion bei Überlastung. Die Person zieht sich vollständig zurück, ist nicht ansprechbar, kann nicht sprechen. Von außen oft als „einfrieren" oder „abwesend sein" wahrgenommen. Innen genauso belastend wie ein Meltdown.
- Overload / ReizüberflutungAuslöser
- Der Zustand, der einem Meltdown oder Shutdown vorausgeht. Das autistische Nervensystem verarbeitet Sinnesreize oft intensiver und weniger gefiltert. Wenn zu viele Reize auf einmal kommen, läuft das „Spülbecken über" — der Overload entsteht.
- Autistischer BurnoutLangzeitkrise
- Anhaltender Zustand extremer Erschöpfung durch chronische Überforderung — oft durch langes Maskieren (Anpassen an neurotypische Erwartungen). Symptome: Verlust erlernter Fähigkeiten, Rückzug, verstärkte Autismus-Symptome. Dauert Wochen bis Monate.
- StimmingSelbstregulation
- Sich wiederholende Bewegungen oder Handlungen zur Selbstregulation — z.B. Schaukeln, Händeschütteln, summen, Objekte drehen. Kein „Tick" oder Problem — Stimming hilft bei der Reizverarbeitung und sollte nie aktiv unterbunden werden, besonders in Stresssituationen.
- Maskieren / CamouflageBelastungsfaktor
- Das Anpassen des eigenen Verhaltens an neurotypische Erwartungen — z.B. erzwungener Blickkontakt, unterdrücktes Stimming, Imitation sozialer Reaktionen. Kostet enorm viel Energie und ist ein Hauptfaktor für autistischen Burnout.
- KrisenplanWerkzeug
- Schriftlicher Plan mit individuellen Frühwarnzeichen, bekannten Auslösern, wirksamen Strategien und Notfallkontakten. Wird idealerweise ruhig und gemeinsam erstellt — und allen wichtigen Bezugspersonen mitgegeben, damit im Akutfall klar ist, was zu tun ist.
- NotfallkarteWerkzeug
- Kreditkartengroße Karte mit Diagnose, wichtigen Hinweisen für Helfer und Notfallkontakten. Wird im Portemonnaie oder Schulrucksack mitgeführt. Besonders wichtig für Menschen, die in Krisen nicht sprechen können — die Karte spricht dann für sie.
Im Notfall & zur Nachbegleitung
Bei akuten Notfällen zuerst die Notruf-Nummern — alle anderen Angebote für Beratung und Begleitung danach.
Kompetenzzentrum Autismus
Caritas Augsburg — Beratung zu Krisen, Entlastung von Familien, offene Sprechstunde Do 15–18 Uhr.
📞 0821 3156-454 ✉ [email protected]Sozialpsychiatrischer Dienst Augsburg
Diakonie Augsburg — Krisenbegleitung, Hausbesuche, langfristige psychosoziale Begleitung. Für Betroffene und Angehörige.
🌐 diakonie-augsburg.deBKH Augsburg — Psychiatrie
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Augsburg. Stationäre und ambulante Krisenversorgung.
📞 0821 4803-400 🌐 uk-augsburg.de/psychiatrieAutLine — Online-Beratung für Autisten
Kostenlose Onlineberatung durch autistische Peers. Für Betroffene, die lieber schreiben als reden. Auch Notfallkarten-Download.
🌐 autline.deTelefonseelsorge (Krisentelefon)
Anonyme, kostenlose Krisenberatung rund um die Uhr. Keine Autismus-Spezialisierung, aber gut erreichbar in schwierigen Momenten.
📞 0800 111 0 111 (kostenlos) 📞 0800 111 0 222 (kostenlos)Josefinum — KJPP Augsburg
Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei psychischen Krisen junger Menschen mit Autismus. Ambulante und stationäre Behandlung.
📞 0821 2412 435 🌐 josefinum.de/kjpp